Die Geburtsstunde der NIKON...

by Frank Mechelhoff                 Neu Oktober 2022

Nikon
      Mother One

Im September 1946
beauftragt der damals größte Optikbetrieb Japans NIPPON KOGAKU – zurzeit ohne Beschäftigung und Einnahmen, denn JAPAN hat den Krieg verloren und ist zerstört, und niemand braucht mehr optische Instrumente – seinen jungen Ingenieur MASAHIKO FUKETA (1913-2001, später NIKON-Vizepräsident und Vorstandsmitglied), eine Kleinbildcamera zu bauen. Solche könnte man amerikanischen Besatzungssoldaten verkaufen.
Angeblich steckt US-Oberbefehlshaber Douglas MacArthur dahinter, selbst ein begeisterter Fotoamateur, der möchte dass die Soldaten ihren Sold "nicht nur in Sake und Huren anlegen".
Es wird eine Camera, die Eigenschaften der beiden besten Messsuchercameras vereint, der deutschen LEICA, von der man den Schlitzverschluss aus beschichtetem Stoff übernimmt, und der CONTAX, dessen Messuchermechanismus und Objektivbajonett übernommen wird – die entsprechenden Patente der Deutschen Firmen bis 1945 sind nach den Beschlüssen der Siegermächte nicht mehr geschützt und dürfen allgemein verwendet werden.
Der erste, noch unfertige Prototyp (Bild oben) erhält die Nummer 6091 (609 für September 1946 und die 1 als fortlaufende Nummer.

Nikon 6094

Bereits der vierte Prototyp, No. 6094 sieht der in Serie produzierten ersten Camera – später Nikon I genannt – zum Verwechseln ähnlich, inklusive dem gebogenen Mittelstrich beim N. Die Linie ist gefunden!
Dazu muss man wissen: Eine Nachkriegs-CONTAX gibt es bislang noch gar nicht. Die Zeiss-Ikon-Werke in Dresden werden von den russischen Besatzern demontiert – man baut in der Sowjetunion die CONTAX als KIEV nach – die Ingenieure werden teilweise verschleppt, und Zeiss-Ikon wird erst 1948 in Stuttgart neugegründet – allerdings hat man noch kein Werk!
Der Name NIKON kommt ohne Zweifel von NIppon Kogaku. Ob auch Ikon von Zeiss-Ikon eine Rolle spielte, wer weiß? NIKKOR als Objektivbezeichnung war durch Nippon Kogaku bereits seit 1932 geschützt. 1930 firmierte man auch als NIKKO. Der Schritt zu NIKON liegt daher nicht fern.

Nikon L

Folgerichtig ist daher, dass auch Prototypen mit Leica Schraubgewinde entstehen, im Bild No: L1101. Denn zum einen ist deren Objektivanschluss einfacher, zum anderen baut man entsprechende Objektive seit 1939 für CANON, zunächst sogar als einziger Lieferant, später auch für andere japanische Hersteller. Verwunderlich ist eigentlich, dass die Nikon L nicht anstatt der Nikon I in Serie geht.

Hansa
              Canon with Lens dismounted Vermutlich deshalb, weil Nippon Kogaku bereits seit 1935 nicht allein Objektive, sondern auch Objektivanschlüsse an CANON geliefert hat, die dem Contax-Bajonett sehr ähnlich waren.

Im übrigen wurde im Oktober 2020 ein Nikon L Prototyp (No: L1104) in Wetzlar für 468.850 USD (incl. Buyer's Premium) versteigert, der bislang höchste für eine alte NIKON gezahlte Preis.

Die Camera war bei Christies Auctions im Juni 2005 zusammen mit einem anderen Nikon Prototype für lediglich mehr als 36.000 £ versteigert worden - von solchen Wertsteigerungen können normale Sammler nur träumen. Die Camera hatte vormals Joseph Abbott, rechte Hand von Joseph Ehrenreich, der nach 1953 Nikon-Importeur für die USA wurde. 1)


Nikon S

Im Bild meine NIKON S von 1951 - laut Seriennummer also eine der ersten 6.000 Cameras.
Wie zur damaligen Zeit üblich, wird der Film mittels Drehrädchen weiter- und zurückgespult. Die Verschlußzeiten: 1/20, 1/30, 1/40, 1/60, 1/100, 1/200 und 1/500s sowie auf dem Zeitenrad darunter die langen Verschlusszeiten 1/8, 1/4, 1/2, 1s, B und T. Die moderne geometrische Teilung war noch nicht üblich. Das Bildformat der Nikon M und der S ist 24mm x 34mm anstatt 24x36 - mit etwas breiteren Trennstegen.

Nikon
              S and S2 from behind
Die Nikon I hatte noch das s.g. "Nippon-Format" (24mm x32mm) Weil dieses nicht durch Marktführer Kodak (Entwicklungsmaschinen. Kodachrome) verarbeitet werden konnte (7 anstatt 8 Perforationslöcher je Bild) wurde dieses Modell nicht übers  CPO - Central Purchasing Office (d.h. in den PX Shops für US-Armeeangehörige im besetzten Japan) verkauft, und auch nur wenige in die USA exportiert.2)
Dabei brachte es 5 Bilder mehr auf einen 36er Film und entsprach viel besser dem 3:4- Papierformaten, wo bei Negativen  im Format 24x36, also 2:3, immer ein Stück vom Rand abgeschnitten wird - bis heute!

Üblich für die Cameras der 1950'er ist auch die winzige Sucheröffnung und die starke -verkleinerung (0.6x), ohne dass man als Brillenträger die Ecken gut erkennen könnte.
Mit der S2 kam hier eine wesentliche Verbesserung. Aber, wie schon in der Vorkriegs-Contax, der Sucher ist zugleich Messsucher!

Die Nikon I war eine qualitativ noch sehr dürftige Camera, was neben mangelnder Erfahrung im Camerabau vor allem an den sehr schlechten Produktionsbedingungen im frühen Nachkriegs-Japan lag. Der Firmenpräsident Dr. Masao Nagaoka sorgte jedoch dafür, dass jede aufgrund von Fehlern zurückgegebene Camera untersucht und die Fehler abgestellt wurden. Rein äußerlich sind die Nikon I, M und S nahezu identische Cameras (Blitzsynchronisation haben nur die späteren M- sowie die S-Modelle).
Der Bezug des Cameragehäuses bestand noch aus Echtleder (ab S2 der typische dauerhafte, dabei griffige, genarbte Hartkunststoff, das auch von CANON und PENTAX verwendet wurde). Die Cameras sind etwa 1/5 schwerer als die spätere S2 und die Gehäusedeckel sind stärker. Bis 1951 mussten alle Cameras mit "Made in Occupied Japan" geprägt sein, danach nur noch "Made in Japan".

Stückzahlen, Seriennummern und Produktionsdauer (Stückzahlen nach SCAP Records)

Nikon I  
60912~609759
Maximal 738 Stück, plus 20 Prototypen, verkauft wurden wahrscheinlich 492 (davon 72 in die USA und im Inland bloß 11) - der Rest wies Fehler auf und wurde eingestampft, oder auf Synchronisation umgebaut und mit M-Seriennummer verkauft.
März 1948 - Aug. 1949 ca. 500 Stck/ Jahr
Nikon M
M 609760~
M 6094000
Maximal 3.240. Verkauft wurden aber lediglich 2.521, davon im Inland 22, USA 205, CPO 1.699.
Aug. 1949 - Dez. 1950
ca. 1.000 Stck/Jahr
Nikon S 6094025~6129520
60910000~60911250
Maximal 35.127 Stück    / oder 36.746 ?  (unterschiedliche Angaben)
Jan. 1951- Mai 1954 ca. 10.500 Stück/Jahr

Nikon S

Eine Besonderheit zu den Seriennummern der Nikon S: Wie schon erwähnt, beginnen alle frühen NIKON Cameras mit S/N 609. Nach Füllen des ersten 4-stelligen Bloks ging man zu 8-stelligen Seriennummern über, dann fand man, dass diese in der Gravur zu lang seien, und kehrte 1215 Cameras später zu 7-stelligen Nummern zurück und machte mit Seriennummer 6.100.000 weiter. Diesen Nummernkreis führte man dann bis zum Produktionsende aller Messsucher-Modelle weiter wobei die einzelnen Modelle größere oder kleinere Ziffernblöcke zugewiesen bekamen (bis zur 6.6xxx.xxx für die Nikon S3M).

Die Objektive von CONTAX und NIKON können ausgetauscht werden, jedoch sind die Entfernungsmesserkurven (und die exakten Brennweiten bei 50mm) leicht unterschiedlich, weshalb es bei Brennweiten ab 50mm und hohen Lichtstärken zu Fehlfokussierungen kommt! NIKON hat deshalb seine in CONTAX-Fassung prodzierten Wechselobjektive (ab 8.5cm) mit einem gravierten -C- im Tubus gekennzeichnet.

Nikon M ad Autumn 1950 (Japan)
Nikon M Werbung in JAPAN, Herbst 1950. Das hier beworbene 5cm f/1.5 wurde nur ganz kurze Zeit produziert, danach wurde es durch das 5cm f/1.4 ersetzt, als "schnellstes" 50mm der Welt beworben.

Deschin-Article NYT
Mit diesem Artikel von Jacob Deschin in der New York Times (10. Dez. 1950) und den Bildern von David Douglas Duncan in seinem Fotoband über den Korea-Krieg "This is War!" wurde NIKON erstmals im Westen als Hersteller hervorragender photographischer Produkte bekannt ("...superior to the German cameras they had been using", "...perform better wide open than Zeiss lenses").
Duncan hatte mit dem japanischen LIFE-Fotografen JUN MIKI im Juni 1950 Nippon Kogaku besucht und dort einige Objektive erworben.
Mit dieser kostenlosen Werbung schafft NIKON mit der S, trotz noch bescheidener Präsenz auf dem amerikanischen Markt, erstmals wirtschaftlich nennenswerte Mengen (über 10.000 Stück pro Jahr) zu produzieren und zu verkaufen.


Nikon Ad May
      1951
Anzeige der OFITRA (Overseas Finance & Trading Company Inc.) mit Sitz in San Francisco, dem ersten NIKON Importeur der USA bis im Jan. 1954 Jo Ehrenreich's Firma übernahm. OFITRA machte NIKON erstmals in den USA bekannt: Adolph Gasser (Verkaufs- und Reparaturgeschäft und Beratung für NIKON), Hans Werner Liholm führte das Geschäft und Udo Lindholm war der Besitzer.

Preisliste May 1952 in USD (incl. 12,5% US Excise Tax)

NIKON CAMERA w. f/3.5–50mm NIKKOR LENS
189.00
NIKON CAMERA w. f/2–50mm NIKKOR LENS 259.00
NIKON CAMERA w. f/1.4–50mm NIKKOR LENS 349.00
NIKON CAMERA BOX ONLY, without case
152.00
All Nikon cameras include synchronization for flash and strobe, ever-ready leather case, lens caps and flash attachment cord.
NIKKOR LENS  f/3.5–50mm 54.50
NIKKOR LENS  f/2–50mm 107.00
NIKKOR LENS  f/1.4–50mm 198.00
NIKKOR TELEPHOTO LENS  f/2–85mm, with leather case and shade
175.50
NIKKOR TELEPHOTO LENS  f/3.5–135mm, with leather case and shade 145.00
NIKKOR WIDEANGLE LENS  f/3.5–35mm, with leather case and shade 89.50
CINE-NIKKOR f/1.9–38mm, telephoto for 8 mm cameras 59.50
UNIVERSAL FINDER, with leather case 43.00
ZOOM FINDER, with leather case
37.00
All Nikkor lenses are available in Leica type mount at the same price

Die Steuer war beim Erwerb (für Angehörige der US Streitkräfte) in lokalen PX Shops nicht fällig, dann waren sie <CPO> (Central Purchasing Office) gestempelt. Eventuell gab es hier noch weitere Rabatte.
Die Preise lagen damit etwa bei 3/4 von LEICA. Eine Billig-Camera war die NIKON also nicht, und im Inland (Japan) war sie nahezu unerschwinglich!
Vor allem erreichte die NIKON I/M/S niemals die Qualität von ZEISS-IKON, LEICA -- und kaum, oder eben gerade, den Erzrivalen CANON, deren Cameras günstiger und in höheren Stückzahlen verkauft wurden.

Das änderte sich erst mit der Nikon S2 (weiter...)

Nikon S und S2
Nikon S, 1951, (links) und S2, 1954, (rechts). Auf dem ersten Blick erkennbar das größere Sucherfenster der S2 mit dadurch bedingter, gestufter Gehäuseoberseite.

Alle
Nikon-Objektive zu Nikon RF sind vergütet, aber nicht alle sind mit einem roten "C" (für coated) markiert. Auf den späteren Serien wurde es weggelassen, da selbstverständlich. Die frühesten Objektive sind mit "Nippon Kogaku Tokyo" beschriftet, später ersetzt durch "Nippon Kogaku Japan". Alle (mit Ausnahme des zuletzt erschienen "Olympic"-Nikkor 50/1.4 von 1964) sind mit Brennweitenangaben in Zentimetern beschriftet.

Verfügbarkeit der Wechselobjektive

Das f/3.5-50 Nikkor-Q (4-Linser) war nur kurze Zeit erhältlich, bevor es eingestellt wurde. (152 Stück in Nikon-Mount gebaut)
Das Angebot an Cameras war immer knapp; Objektive waren besser verfügbar. Die Nikon-I und Nikon-M wurden nie ohne 50mm-Objektiv verkauft.
Zunächst waren für die Nikon überhaupt keine Wechselobjektive verfügbar (eher für Leica). Als erstes erschien das f4/135-Nikkor-Q, produziert ab April 1948 (und im April 1950 bereits durch das f3.5/135 ersetzt). Das f2/85-Nikkor-P kam im April 1949 hinzu. Das erste Weitwinkel (f/3.5/35-W-Nikkor-) erschien im erst im April 1950 (als "neues Produkt" gekennzeichnet mit einer Monatsproduktion von 77 Stück).

Anm.1: Michael Wescott Loder: The Nikon Camera in America 1946-1953, McFarland 2008.

Externe Links zu frühen NIKON Cameras:

Peter Lausch's NIKON Geschichte (Web-Archive 2017)
Nikon Rangefinder Prototypes by Mike Eckman

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