voigtländer                    Copyright Texte und Bilder: Frank Mechelhoff 2005-2015 (Update Nov.2015)

VOIGTLÄNDER BESSA L / BESSA R (1999-2015)
Die MESSSUCHER RENAISSANCE (Rangefinder Renaissance)

Kurz vor der Jahrtausendewende (1999) war ich auf der Suche nach einer Panorama-Camera für Landschaftsaufnahmen, die möglichst gut tragbar und nicht zu groß sein sollte, um sie überall mit hinnehmen zu können, und studierte mittelst des damals noch recht neuen Internets den Fotomarkt.
Damals entdeckte ich die just vorgestellte Voigtländer Bessa L, und war erstaunt dass man solch eine Camera damals noch - oder schon wieder - neu kaufen konnte, die schon damals völlig gegen den Zeitgeist ging, und nur das absolut notwendigste zum Fotografieren mitbrachte.
Dass es hierfür einen Markt zu geben schien, erstaunte mich - und noch mehr, dass sie aus Japan kam, trotz des Deutschen Namens.
Meine erste eigene "ordentliche" Camera (das hiess zu jener Zeit: SLR/ Spiegelreflex) war 1980 eine Pentax gewesen, die dann durch eine Minolta ersetzt wurde. Als "Immer-Dabei-Cameras" waren mir die Spiegelreflexcameras immer schon zu groß. Hin und wieder borgte ich mir lieber kompakte Cameras meiner Eltern aus, die Rollei 35LED oder Minox 35. Seit 1998 hatte ich eine eigene Rollei 35S, haderte mit dem fehlenden Messsucher, und suchte eine ernsthafte Camera. Leica erschien mir freilich viel zu teuer und vom Image her zu elitär.

Bessa L
1999: Voigtländer BESSA-L mit SUPER-WIDE HELIAR 15mm f:/4.5 (1999 Kosten rund DM 1500,-)
Meine Bessa L trägt ihr Gebrauchsspuren und im Gelände erworbenen Kratzer mit Ehre. Sie ist eine Minimalkamera ohne Sucher - eigentlich eher ein Filmgehäuse mit - recht lautem - mechanischem Metallschlitzverschluß und batteriebetriebenem TTL-Belichtungsmesser - speziell für Weitwinkelfotografie entwickelt. Weil sie keine Spiegelreflexkamera ist, ist das Gehäuse schmal, und das Objektiv dicht an der Filmebene - wie bei den Leica Messucherkameras. Das machte die Konstruktion kompakterer und  preiswerterer Weitwinkelobjektive möglich, als dazumal gängig.

Ein anderer Hersteller hätte jetzt ein spezielles Anschlussbajonett entwickelt, in der Hoffnung dafür möglichst viele Objektive abzusetzen. Nicht so Mr. Kobayashi, Chef von Cosina. Dieser hatte nicht nur die Idee zur Camera, sondern auch noch zwei weitere - und alle drei zusammen machten die Cameralinie zum Riesenerfolg:
  • Er kaufte (vermutlich für kleines Geld) die Rechte an der Benutzung des Namens Voigtländer von der Deutschen Ringfoto

  • Statt des eigenen Anschlussbajonetts verwendete er einfach das Leica Schraubgewinde (LTM, L39). Dafür stellte schon seit fast 30 Jahren niemand mehr Objektive her. Damit stellte er eine Linie her zur kompakten Schraub-Leica

Die Bessa-L war ein Teil des Doppelschlags, den die Fotowelt damals ziemlich aufwirbelte und die Verantwortlichen bei Leica aus tiefem Schlaf riss, und trägt den großen Namen zu vollem Recht! -- Der zweite Teil war das Objektiv, ein bezahlbares 15mm Superweitwinkel mit 110° Bildwinkel, der 11-fachen Bildfläche eines 50mm "Standardobjektivs" oder dem 5-fachen eines 35mm Weitwinkels entsprechend (die mit 7x10cm Papierabzügen demzu nicht so recht zur Geltung kommen).
Mit  f/4.5 war es nicht besonders lichtstark, ist dafür mit 102g Gewicht trotz Metallgehäuse und guter Verarbeitung, das mit Abstand leichteste am Markt. Mit Camera wiegt die Combo 462g - das, oder noch mehr bringen DSLR-Superweitwinkel allein auf die Waage...
Das 4.5/15mm wurde berühmt für seine (auf Film) ausgezeichnete Schärfe und Kontrast, sehr geringe Überstrahlung und Gegenlichtempfindlichkeit. Man lernte feinkörnigen 100ASA Film oder Kodachrome wieder schätzen, denn nur damit sah man alle Details die dieses Objektiv aufzeichnen konnte. Dass es Leute geben würde, die 15 Jahre später die Auflösung mit 8000x6000 Pixeln an den Rändern mit 1:1 Sicht kritisch beäugen würde, war damals nicht im Traum abzusehen. Auch nicht, dass die Hinterlinse zu nah an möglichen digitalen Bildsensoren stehen würde, die ob der schräg einfallenden Lichtstrahlen mit Lilaverfärbung reagieren würden. All das gab es bei Film nicht zu bedenken.

Woran man sich schon damals im Filmzeitalter gewöhnen musste: Die große Bildfläche wird oft ungleichmäßig hell wiedergegeben, besonders bei starker Sonne. Für das Auge ist der sonnendurchflutete Himmel gleichmäßig blau, für die Camera ist er umso heller, je näher die Sonne ist. Unser Auge bzw. das Sehzentrum gleicht die ungleichmässige Beleuchtung aus, das Objektiv ist hierzu nicht in der Lage. Bei bedecktem Himmel sind Außenaufnahmen gleichmäßiger ausgeleuchtet. Dazu kommt der optisch unabdingbare Lichtabfall zu den Ecken (cos4-Gesetz) bei den Ultraweitwinkel-Objektiven, und die perspektivische Verzerrung bildrandnaher Details, sowie stürzende Linien. Das 15mm erforderte fotographische Einarbeitungszeit. Das gleichzeit herausgebrachte (ebenfalls knackscharfe) 25mm f/4 war hier etwas unkomplizierter.

Bedienung der
                Bessa-L Statt eines Kamerasuchers hatte die Bessa L auswechselbare Durchsichtssucher zum Aufstecken (ohne Parallaxausgleich, der aber bei Superweitwinkel nicht so wichtig ist). Wenn der Auslöser halb gedrückt wird, aktiviert dies den TTL-Belichtungsmesser und die Belichtungsanzeige (rot-grüne LED's links neben dem Sucher) was aus den Augenwinkeln gut beobachtet werden kann, die Kamera aber auch für unbeobachtete Aufnahmen "aus der Hüfte" tauglich macht. Der Metallverschluß arbeitet rein mechanisch und funktioniert auch ohne Batterie. Die 1/2000s mag ungewöhnlich erscheinen, ist aber sehr nützlich bei der Verwendung hochlichtstarker Objektive.

Wie entstand dieses ungewöhnliche Camera? -- Cosina baut seit den 70'er Jahren Cameras für andere Hersteller im "Volume"-Bereich, u.a. auch für Nikon, und konnte viele Komponenten weiter verwenden. Ich habe z.B. eine für ZEISS/ Contax SLR Objektive gebaute Yashica FX-3 der neunziger Jahre (ebenfalls mit 1/2000s) die an vielen Stellen wie eine Bessa aussieht und auch so klingt. Cosina konstruierte um die vorhandenen Komponenten einfach ein neues Gehäuse und liess den voluminösen Spiegelkasten weg... und voila, das Ergebnis war die Minimalkamera Bessa-L.

Die Bessa-L war anfangs mit nur 2 Objektiven erhältlich, dem Super-Wide Heliar 15/4.5 oder dem Snapshot-Skopar 25/4. Beide ohne Messucherkupplung, denn die Bessa-L hatte ja auch keine. Mit beiden Objektiven, im Geiste des Kompaktkamera-Pioniers Oskar Barnack's konstruiert, beschämte man die Firma LEICA, die so kleine, kompakte und hervorragende Weitwinkelobjektive nicht im Programm hatten.

Voigtländer Bessa R

Als sich die Bessa L gut verkaufte - der Preis war anfangs recht hoch für das doch recht einfache Produkt - und glänzende Kritiken von der Fachpresse erhielt, legte Cosina noch eins drauf: ein 12mm Superweitwinkel (das weitwinkligste nicht verzeichnende Kleinbild-Weitwinkel) und die Messsucherkamera Bessa R :
Auf die Bessa-L wurde ein anderes Gehäuseoberteil aufgebaut dass den Messucher enthielt - ähnlich hatte das Oskar Barnack 70 Jahre vorher schon mit der Leica II gemacht. Um die Konstruktion einfach und kostengünstig zu erhalten, begnügte man sich mit der recht kurzen Meßbasis von 37mm - und zeichnete damit die Strategie, vor keine hochlichtstarken Teleobjektive anbieten zu wollen. Die, das weiß man ja mittlerweile, sind die Domäne der SLRs/DSLRs.  Dafür war der Sucher aber wundervoll hell und klar, mit sehr gut sichtbaren eingespiegelten Bildrahmen.
Die Objektivreihe wuchs nach und nach, lichtstarke Objektive kamen auch dazu, zunächst Weitwinkel. Alle erhielten gute Kritiken, denn als Festbrennweiten waren sie für hohe Schärfeleistungen gerechnet - damals domnierten schon die Zooms, darunter viele "Plastik-Bomber". Material und Verarbeitung der COSINA Objektive setzten sich da angenehm ab. Qualität, die Jahrzehnte halten sollte.
2002 begann man die Cameragehäuse aus Metall zu bauen.
Die metallenen Gehäuse dämpften die etwas lauten Auslösegeräusche besser, machten die Cameras aber auch schwerer, und der Lack Marke "Hammerschlageffekt" der R2 war nicht jedermann's Sache. 

Canon RF
                35/2
Bessa-R mit 45 Jahre altem Canon RF Objektiv 2/35mm - eine kompakte leichtgewichtige Reise-Combo -- und für mich, trotz Plastik, weiterhin die schönste Bessa...

2002 begann man auch, verschiedene Varianten der grundsätzlich gleichen Camera anzubieten, was in einer schier verwirrenden Modellvielfalt resultierte:
Während dieser Zeit begnügte sich Mr. Kobayashi damit, der Firma LEICA keine wirkliche Konkurrenz zu machen, sondern preisgünstige Produkte zu bestmöglicher, aber eben nicht unerschwinglich teurer Qualität zu produzieren. Man positionierte sich bewusst und bescheiden unterhalb von Leica. Cosina trieb den Respekt so weit, sehr lange keine Objektive mit exakt gleichen Grunddaten zu Lichtstärke und Brennweite herauszugeben. Das erste Objektiv mit dem man gegen diesen Grundsatz verstiess war das Anfang 2008 vorgestellte NOKTON 35/1.4, das man als ausgesprochenes "Retro-Design" und nicht als Konkurrenz zum (5x teureren) Summilux-ASPH von Leica vermarktete.
Mit Fug und Recht lässt sich sagen, die neuen Voigtländer Produkte bildeten einen "Einstieg" für LEICA, senkten Hürden und Hemmschwellen -- oder etwas schärfer formuliert, produzierten die Produkte, die man von LEICA, und zwar schon jahrzehntelang vergeblich, als Abrundung des Programms preislich nach unten, erwartet hätte! Mit der Bessa R2 baute man erstmals eine Camera nach dem gleichen Muster wie der Bessa-R eine Leica M-Bajonett (nachdem dieses 2002 patentfrei wurde).
Stephen Gandy sagte "Mr. Kobayashi zeigt, was für erstaunliche Dinge gemacht werden können, wenn ein Liebhaber klassischer Cameras eine Camerafabrik leitet" - dem war nicht viel hinzuzufügen!

Zeiss Ikon Rangefinder neben Bessa
              R3M

Die "ZEISS IKON RANGEFINDER"

2006 wurde Cosina von ZEISS, dem alten LEICA-Erzrivalen lizensiert, die (wahrscheinlich maßgeblich von Cosina selbst) neuentwickelte ZEISS-IKON ZM Messucherkamera zu bauen, und erhielt von ZEISS den Adelschlag, selbst Objektive im Namen von ZEISS zu produzieren, mit der Begründung "Cosina ist heute einer der erfahrensten Hersteller von Messucher-Cameras und -objektiven" - Leica-Liebhaber legten die Ohren an : Stimmt!

Während die ZM-Objektive (auch von Voigtländer produziert) sich bis heute recht gut verkauften (preiswerte Alternative zu Leica) ging der Verkauf der Zeiss Ikon Camera eher schleppend.

Im Unterschied zur "gelabelten" Rollei 35RF (die eigentlich eine Bessa R2 bloß mit anderen Suchereinspiegelungen war) war die ZM eine eigenständige Camera, die mit der Bessa R technisch kaum etwas zu tun hatte, und war technisch auf dem Niveau der Leica M7. Alas, Film!

Epson R-D1

Was bleibt von der Rangefinder-Renaissance?

Am 30.September 2015 erklärte COSINA die Produktion der mechanischen BESSA-R-Reihe nach 16 erfolgreichen Jahren für eingestellt. Damit zerschlagen sich auch alle Hoffnungen auf eine "digitale" Bessa als Nachfolgerin der Epson R-D1 endgültig. Die neueren digitalen Cameras der Kategorie "Spiegellose mit Autofocus" ähneln eher älteren SLRs (FUJI X-1T, SONY A7). Zwei Dinge aber bleiben erhalten "vom Geist Oskar Barnacks":

Übersicht der von COSINA (Japan) gebauten VOIGTLÄNDER Messsucher-Cameras

Modell
von
bis
Messsucher-Vergößerung und Rahmen

Verschluß
Objektivanschluss
Sonstiges








35mm Kleinbild-Film








Bessa L
1999
2003
kein Sucher!
320g
1/2000s-1s,B (manuell)
Leica Schraubgewinde
Einfaches Kunststoffgehäuse, kein Sucher aber mit  TTL-Messung, Chrom oder Schwarz
Bessa R
2000
2002
0,68  (35/50/75/90)
395g
1/2000s-1s,B (manuell) Leica Schraubgewinde
Kunststoffgehäuse (lange Deckelklappe),
Chrom oder Schwarz
Bessa T
2001
2004
Nur Messucher! (1,5)
385g
1/2000s-1s,B (manuell) Leica-M Kunststoffgehäuse, ohne Sucher, verschiedene Farben
Bessa R2
2002
2004
0,68  (35/50/75/90) 425g
1/2000s-1s,B (manuell)
Leica-M
Metallgehäuse (lange Deckelklappe), kein Selbstauslöser mehr, verschiedene Farben
Rollei 35RF 2002
2004
0,68  (40/50/80)
440g
1/2000s-1s,B (manuell) Leica-M Metallgehäuse (analog zu R2), nur in chrom
Bessa R2S / R2C
2003
2005
0,68  (35/50/85)
1/2000s-1s,B (manuell) Nikon-S (R2S)
Contax (R2C)
Metallgehäuse (analog zu R2), mit Entfernungseinstellung, nur in schwarz
Bessa R2A / R2M 2004
2015
0,68  (35/50/75/90) 430g
1/2000s-1s,B (M)
1/2000s-1s,B, A (A)
Leica-M Metallgehäuse (geriffelter Rückspulknopf)
A: Elektronischer Verschluss, nur mit Batterien
Bessa R3A / R3M
2004
2015
1,0   (40/50/75/90) 430g
1/2000s-1s,B (M)
1/2000s-1s,B, A (A)
Leica-M wie R2A/M
Bessa R4A / R4M
2006
2015
0,52  (21/25/28/25/50)
440g
1/2000s-1s,B (M)
1/2000s-1s,B, A (A)
Leica-M wie R2A/M
Zeiss-Ikon ZM
2006
2012
0,74  (28/35/50/85)
Basis=75mm
590g
1/2000s-8s,B, A
Leica-M
Chrom oder schwarz
Zeiss-Ikon SW
2007
2012
kein Sucher! 395g
1/2000s-8s,B, A Leica-M
Sucherlose Camera ähnlich Bessa-L








Digital
(APS-C Size)








Epson R-D1 2004 2009 0,52  (28/35/50)
590g 1/2000s-1s,B, A Leica-M Gehäuse Metall, analog zu R2A, nur in schwarz.
Digitaler Sensor 6.1 Megapixel (APS-C), 3008x2000, Pixelabstand 7.8 µm








120er Rollfim








Bessa III / 667
2004 2015 0,7 1000g 1/500s-4s,B, A (elektronisch gesteuert)
Nicht wechselbar. 80mm F/3.5 Heliar (6 Linsen/4 Gruppen) Gehäuse Metall, Nachfolgerin der Rollfilm-Bessa-II (1953)
Format 6x6 (12 Aufnahmen) bzw. 6x7 (10 Aufnahmen)
Auch als Fuji GF670 verkauft.
Bessa III 667 W
2011 2016 0,7 1390g 1/500s-4s,B, A (elektronisch gesteuert) Nicht wechselbar. 55mm F/4.5 (10 Linsen/8 Gruppen) - entspr. 27mm KB-Equivalent
Gehäuse Metall, Nachfolgerin der nie in Serie gegangenen "Weitwinkel"-Rollfim ULTRAGON-Bessa Format 6x6 (12 Aufnahmen) bzw. 6x7 (10 Aufnahmen)
Auch als Fuji GF670W verkauft.

Die Epson R-D1, mechanische Grundstruktur zu 100% Voigtländer Bessa R2A, war die erste digitale Messsuchercamera der Welt, zwei Jahre vor der Leica M8! Leider fand keine Fortentwicklung dieses Konzepts statt. So blieb Cosina/Voigtländer ein weiterer Hersteller mechanischer Cameras, dem der Umstieg in die digitale Ära leider nicht glückte. Dafür aber die Qualifikation als Hersteller hochwertiger, erfolgreicher Objektive, bis hin zur "verlängerten"Werkbank von Carl Zeiss.

Bessa-3 WW - Link to Cameraquest.com

Bessa R3M mit Heliar 50/2.0

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